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Bewegungs-Kunst.de, Zula N. Hoffmann

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Tamapla LIFE/ART Process® nach Anna Halprin

 

Anna Halprins' Intention ist, die dualistische Spaltung zwischen heilender und künstlerischer Arbeit aufzuheben. Sie hat die heilende Wirkung des Tanzes am eigenen Leibe erfahren, als sie sich durch den Tanz von ihrer lebensbedrohlichen Krankheit, dem Krebs befreite. Dieses Erlebnis hat ihren Weg auf der Suche nach der heilenden Wirkung des Tanzes geprägt.

In den 40er Jahren zählte Anna Halprin zu einer der namhaften Tänzerinnen des Modern Dance der amerikanischen Ostküste. Sie erkannte jedoch die Tendenzen einer einengenden Stilisierung des Modern Dance und suchte nach neuen Wegen eines authentischen, persönlichen Ausdrucks im Tanz. Die Begegnung mit Fritz Perls in den 60er Jahren hat ihrem Suchen nach neuen Formen des unmittelbaren Tanzes entscheidende Impulse gegeben. Zudem wurde Anna Halprin von Carl Rogers in ihrer akzeptierenden,Unterstützung gebenden Grundhaltung dem Tanzenden gegenüber stark geprägt. Sie definiert ihre Rolle als Facilitator, die einen kreativen Prozess erleichtert. Infolgedessen gibt es in dem LIFE/ART Process® kein ästhetisches Urteil über das künstlerische Produkt, sondern lediglich eine präsent empathische Zeugenschaft in der Wahrnehmung des persönlich geprägten Tanzes. Der »Zuschauer« wird zum »Zeugen« eines Prozesses, an dem er mitfühlend und einfühlend teilnimmt.

In der tanzenden Begegnung einer Gruppe können sich vielfältige Resonanzen der Zwischenmenschlichkeit entwickeln, die ein hohes Potential von Empfindungs und Handlungsfähigkeit entstehen lassen. Anna Halprin ist u.a. bekannt geworden durch ihre getanzten Rituale, die Gruppen und grosse Gemeinschaften in einen offenen Erfahrungsprozess miteinbeziehen. Ihr Konzept der »kollektiven Kreativität«, das sie in Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann Lawrence Halprin entwickelte, ermöglicht in seinen klaren methodischen Prinzipien eine handelnde Ko kreativität, die zu Ereignissen führte wie dem »City Dance«, in den 70er Jahren von Anna Halprin in San Francisco initiiert. Vor ca. 20 Jahren entstand das Ritual »Circle the Earth«, an dem ca. looTeilnehmerlnnen mitwirkten. Inzwischen wird das Ritual »Planetary Dance« zu Ostern weltweit praktiziert.

Nicht nur die Grundgedanken der Gestalttherapie und Carl Rogers' psychologische Definition der Kreativität prägten den LIFE/ART Process® und öffneten Anna Halprins' Sicht des Tanzes gegenüber seinen transformierenden, wachstumsfördernden Potentialen. Sondern in gleichem Mase wurde Halprin durch die indianisch schamanistische Kultur beeinflusst. Ihre strenge Gesetzmässigkeit der Rituale, an denen Anna Halprin durch ihre von dem Stamm der Pomos (einem der letzten indianischen Stämme Nord Kaliforniens) ernannte Zugehörigkeit oft teilgenommen hat, wurde für sie zum geistigen Modell eines »transformierenden« Tanzes. Halprin versteht unter Ritual eine aktive Auseinandersetzung mit einer uns bedrängenden Lebensfrage, die in ihrer Suche nach einer symbolischen Antwort zur treibenden Kraft eines kreativen Prozesses wird. In der individuellen und auch kollektiven Lebensfrage erkennt Halprin den Mythos, der als ethische und spirituelle Weisheit eines Individuums oder einer Gemeinschaft verstanden werden kann. Der zuvor erwähnte »Planetary Dance« wird jedes Jahr einem bestimmten Thema gewidmet. So fanden Tänze zu folgenden Themen statt: Aids, Nationalsozialismus/Holocaust, Sexuelle Gewalt und Gewalt an sich, Apartheid/Rassismus, lebensbedrohliche Krankheiten insb.Krebs,Friede unter Menschen und zwischen Mensch und Erde, Sich Selbst Gebären, Konfrontation eigener destruktiver Kräfte, Heilung von Wunden, Kreation einer Gruppenidentität, Wasser/Klima/Tsunami uvm.

So werden z. B. HIV  infizierte Menschen aktiv in das Ritual einbezogen. Sie werden eingeladen, ihre spezifischen Lebensfragen zu thematisieren und in den Tanz umzusetzen. In dem Prozess des Tanzrituals können Menschen die Erfahrung machen, mit ihren aktuellen Lebensthemen nicht allein zu sein, sondern von einer grossen Gruppe gehört und gesehen zu werden. Ein solch öffentliches Tanzereignis entwickelt »heilende« Potentiale durch die gelebte und gemeinsam erlebte Zeugenschaft/Solidaritätserfahrung aller Beteiligten. Damit verwandelt sich der Tanz von einer produktorientierten Kunstform zu einer Form gemeinschaftlich erlebter und gestalteter Kunst.

Textauszüge mit freundlicher Genehmigung von Ursula Schorn